400 Jahre Universitätsgeschichte. Von der Nürnberger Universität in Altdorf bis zur FAU

Keine geringere als Athena, die altgriechische Göttin der Weisheit, des Kampfes und der Kunst, weist auf einer Darstellung aus dem 17. Jahrhundert als Leumund auf eine der bedeutendsten Akademien Frankens: die Nürnbergische Universität zu Altdorf, die „Urmutter“ der WiSo. Die wissenschaftliche Tradition Nürnbergs und damit auch der FAUWiSo führen zurück bis ins 16. Jahrhundert, als die Stadt ihre erste eigene Akademie im etwa 25 Kilometer südöstlich gelegenen Altdorf gründet. Schon bald gehört die Altdorfina zu den renommiertesten universitären Einrichtungen des Landes, die u. a. den böhmischen Feldherren Albrecht von Wallenstein und den Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz als Studierende beherbergt. Schwierige politische und wirtschaftliche Entwicklungen sorgen für eine wechselhafte Historie der Altdorfer Akademie.

Lange bevor die Erlanger Universität im Jahre 1743 ihre Tore öffnet, besteht bereits eine andere fränkische Universität, die den Grundstein für 400 Jahre Universitätsgeschichte in der Metropolregion Nürnberg legt. Im Zuge der Reformation bekennt sich die Freie Reichsstadt Nürnberg zur lutherischen Konfession und plant im selben Atemzug ein humanistisches Gymnasium, das nach den Plänen des Reformators Philipp Melanchthon im St. Egidienkloster in der nördlichen Altstadt 1526 eröffnet wird.

Im Jahr 1575 als „Hohe Schule“ gegründet, zieht die Bildungsanstalt in das neu errichtete Kollegiengebäude in Altdorf um. Die Abgeschiedenheit der Kleinstadt soll sich dabei positiv auf die Disziplin und den Lerneifer der Studierenden auswirken. Zu sehr befürchtet man, dass sich die jungen Leute durch das Großstadttreiben, inklusive „Sauf- und Rauchgelage“, vom Studieren ablenken lassen würden. Drei Jahre später erteilte Kaiser Rudolf II. der Stadt die Erlaubnis, aus dem Gymnasium eine Akademie zu formen.

Heute wie damals: Feiernde Studierende

Von nun an können in der juristischen, der medizinischen und der philosophischen Fakultät die Studierenden ihren Magister abschließen. Am 3. Oktober 1622 erhält die Akademie zusätzlich das Promotionsrecht und wird somit endlich in den Rang einer Universität erhoben. In den darauffolgenden 187 Jahren besuchen über 19.000 Studierende das fränkische Geisteszentrum. Der spätere Feldherr Albrecht von Wallenstein ist zu dieser Zeit einer der prominentesten und berüchtigtsten Studenten der Altdorfina: Mehrere Prügeleien, bei denen er seinen Diener einmal fast totschlägt, führen zu seinem Rauswurf.

Der Dreißigjährige Krieg

Mit der Anerkennung als Universität schnellt die Zahl der Studierenden an der Altdorfina in die Höhe. Doch nicht für lange: Der Dreißigjährige Krieg tobt in Deutschland und auch Altdorf bleibt von Verwüstung nicht verschont. Immer wieder besetzen plündernde Truppen die Stadt und so suchen die meisten Studierenden und Professoren Schutz im sicheren Nürnberg. Der Krieg findet 1648 ein Ende und so kehrt wieder der Alltag in der Altdorfina ein.

Es geht auf und dann wieder ab

In den kommenden Jahrzehnten erlebt die Universität eine Blütezeit. Das Kollegienhaus wird erweitert, die medizinische Fakultät erhält eine Anatomie, und eine Sternwarte wird eingerichtet. Bekannte Geistesgrößen wie der spätere Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz – ein Wegbereiter der Aufklärung in Deutschland – absolvieren in Altdorf ihr Studium. Doch leider hält diese Hochphase nicht lange an. Anfang des 18. Jahrhunderts ist Nürnberg hoch verschuldet und nahe der politischen Handlungsunfähigkeit. Die prosperierende Handelsschifffahrt führt dazu, dass immer weniger Güter über den Landweg transportiert werden. Die Zolleinnahmen sinken und somit auch die Einnahmen der Stadt.

Aufgrund dieses allgemeinen wirtschaftlichen Niedergangs wird fortan an der finanziellen und personellen Ausstattung der Altdorfina gespart. Die Einsparungen, aber auch die Konkurrenz neuerer und besser ausgestatteter Landesuniversitäten in Erlangen oder Würzburg sorgen dafür, dass sich in den kommenden Jahren immer weniger Studierende in Altdorf einschreiben. Um 1750 sind es durchschnittlich nur noch 40 Studierende pro Jahr. Aus der prestigeträchtigen Academia franconiae ist eine Kleinstuniversität geworden.

Das Ende … vorerst

Die immense Schuldenlast und die schwierigen politischen Zeiten, in denen Napoleon Bonaparte nach der Herrschaft über Europa ausgreift, führen schlussendlich dazu, dass das kleine Nürnberg 1806 seine Eigenständigkeit verliert. Es ist nun Teil des Königreichs Bayern. Die neuen Herren entscheiden sich in den kommenden Jahren dafür, die kleinen universitären Einrichtungen zugunsten der großen Landesuniversitäten zu schließen. Am 24. September 1809 – nach 468 Semestern – wird die Altdorfina offiziell geschlossen. Nach deren Schließung übernimmt die FAU deren Bestände und wird damit zur akademischen Erbin des einstigen „Centrum Franconiae“.

Die akademische Tradition lebt fort

Wenn auch die Altdorfina schon lange der Geschichte angehört, ist sie der entscheidende Grundstein für Nürnberg als Universitätsstandort. Mit ihrer Schließung verliert die Stadt vorerst ihre einzige Akademie, bis endlich die Nürnberger Handelshochschule, besser bekannt als WiSo Nürnberg, 1919 an das akademische Erbe anknüpft. Sie hat von Anfang an die Tradition der Altdorfina vor Augen und professionalisiert den Beruf des ehrbaren Kaufmanns. Im 20. Jahrhundert geht die Hochschule durch ähnlich stürmische Zeiten wie die Nürnberger Universität in Altdorf in ihren Jahrhunderten. So kommt die Hochschulbildung in der Tradition der Altdorfina auch in Nürnberg ins Zentrum der Stadt.

WiSo-Diplom-Übergabefeier in Altdorf, 2002

Noch bis in die 2000er Jahre unterstrich die WiSo diese enge Verbundenheit. Denn bis dahin war es üblich, die WiSo-Absolventenfeiern in Altdorf abzuhalten, um an diese gemeinsamen Wurzeln, also die erste Nürnberger Hochschule, die Bürgerinnen und Bürger der mittelalterlichen Handelsmetropole im 16. Jahrhundert außerhalb der Stadtmauern – im nahegelegenen Altdorf – gegründet hatten, zu erinnern. Diese verbindende Tradition fand erst ein Ende, als letztendlich die Absolventenzahlen der WiSo so hoch wurden, dass eine Feier in Altdorf nicht mehr umsetzbar war. Aber auch heute noch fühlt sich die WiSo ihren Altdorfer Wurzeln eng verbunden.

Und mit der Fusion von WiSo und FAU im Jahre 1961 schließt sich zusätzlich der Kreis zwischen Altdorfina, WiSo und FAU. Denn ab 1961 findet sich die Nürnberger WiSo, nun im Status einer Fakultät, ebenfalls im akademischen Überbau der FAU wieder. Heute bietet die FAU sowohl in Erlangen wie auch in Nürnberg ein attraktives Angebot zum Studieren und Leben – direkt im Herzen der Stadt. Deshalb feiern die FAU und ihre WiSo am 3. Oktober 2022 den 400. Gründungstag der Nürnbergischen Universität zu Altdorf.