Campus-Köpfe: Reinhard Wittenberg

Dr. Reinhard Wittenberg, Akademischer Direktor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, wurde am 11. Mai 2012 verabschiedet. 30 Jahre lang war er für die Friedrich-Alexander-Universität tätig, nun ging er in den Ruhestand.

Aufgewachsen ist Dr. Reinhard Wittenberg in Hannover. Dort begann mit seinem Soziologiestudium seine universitäre Laufbahn. Neben verschiedenen Stationen in Deutschland wurde der promovierte Diplom-Soziologe in Nürnberg sesshaft. 1983 wurde er an der Friedrich-Alexander-Universität zum Akademischen (Ober-)Rat ernannt. 15 Jahre später folgte der Akademische Direktor.

Herr Wittenberg, am 11. Mai wurden Sie offiziell verabschiedet. Wird dieses Datum Ihnen in positiver Erinnerung bleiben?

Dr. Wittenberg: Ja, sehr: Es war ein fröhliches Fest, das Gelegenheit gab, mit vielen lieben Gästen einen Rückblick auf meine Nürnberger Zeit zu werfen und zu diskutieren, wie es zukünftig weiter gehen könnte.

Seit 1983 waren Sie am Lehrstuhl für Soziologie und Empirische Sozialforschung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät tätig – eine lange Zeit. An was erinnern Sie sich besonders gerne zurück?

Dr. Wittenberg: An die Zusammenarbeit mit den Studierenden: Mit jedem neuen Jahrgang kamen auch neue Ideen und Probleme in die Findelgasse, deren Umsetzung oder Bewältigung immer eine spannende Herausforderung darstellten. Viel Freude hat es mir auch bereitet, einen nicht unbeträchtlichen Teil der Studierenden mit den theoretischen und praktischen Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen der empirischen Sozialforschung vertraut gemacht und sie dafür so eingenommen zu haben, dass sie dieses Werkzeug tatsächlich aufgegriffen und in Studium und Beruf später begeistert genutzt haben.

Gibt es auch unangenehme Erinnerungen?

Dr. Wittenberg: Ja, sicher. Wenn man sich als Forscher und Lehrer so sensiblen, für manche heikle Themen wie Antisemitismus, Schwangerschaftskonfliktberatung, Kommunalpolitik und Kommunalwahlen oder Sexualverhalten von Jugendlichen zuwendet, sind heftige Reaktionen wie auch immer davon Betroffener eigentlich zu erwarten. In meiner Naivität bin ich davon allerdings immer wieder neu und unangenehm überrascht worden.

In ihrer Laufbahn haben Sie über 100 Publikationen veröffentlicht und an der FAU an 26 Forschungsprojekten mitgewirkt. Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in den Methoden der empirischen Sozialforschung, der Wissenschaftssoziologie und der Antisemitismusforschung, aber auch in Regionalstudien in den Hochschulen (area studies) und Gesundheitswissenschaften. Welches Thema lag Ihnen als Forscher besonders am Herzen?

Dr. Wittenberg: Eigentlich immer jenes Thema, das ich aktuell beforschte. Sehr befriedigend ist es, wenn es gelingt, mit Hilfe der Methoden der empirischen Sozialforschung Daten zu erheben, die einerseits dazu beitragen können, unsere Gesellschaft über ihren – im weitesten Sinne – sozialökonomischen Zustand aufzuklären, und die andererseits die Voraussetzung  dafür liefern, gesellschaftliche Verbesserungsmaßnahmen auf einer empirisch gesicherten Basis entwickeln und vollziehen zu können – sofern ideologische Scheuklappen die Sicht darauf nicht dennoch versperren.

Gab es außergewöhnliche Ergebnisse, die Sie überrascht hatten?

Dr. Wittenberg: Zahlreiche! Beispielsweise waren wir sehr überrascht, als unsere zur Wendezeit in der damaligen DDR erstmals durchgeführte Untersuchung zum Antisemitismus fundierte Belege für ein doch unerwartet starkes Ausmaß an dort vorhandenen xenophoben und antisemitischen Einstellungen erbrachte.

An der FAU haben Sie sich vor allem regionalen Themen wie beispielsweise der Lokalpolitik in Nürnberg oder dem Nürnberger Volksfest gewidmet. Warum haben Sie vor allem über Themen in der Region geforscht?

Dr. Wittenberg: Dafür gibt es insbesondere methodologische, didaktische und politische Gründe. Methodologisch gesehen bieten regional begrenzte empirische Studien den Vorteil, dass man die spezifischen sozial-ökologischen und -ökonomischen Lebensverhältnisse der Respondenten viel genauer abbilden und bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigen kann, als dies beispielsweise bei bundesweiten, meist ja atomistischen Erhebungen möglich wäre. Auch ist bei kleinräumigen Studien die Triangulation von Erhebungsmethoden – quantitative und qualitative Interviews, Dokumentenanalysen, Beobachtungen – viel leichter möglich als bei überregionalen: Beides wirkt sich positiv auf die Validität der Ergebnisse aus. Didaktisch und politisch betrachtet, kann ich Studierende der Sozialökonomik besser mit den o. g. Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen der empirischen Sozialforschung vertraut machen, wenn es um ihre Konfrontation mit konkret erfahrbaren Lebensverhältnissen geht – und wenn sie zudem hautnah erleben und erfahren können, wie Akteure, etwa kommunale Ämter, die von uns gelieferten Befunde verwerten oder negieren.

Ab und zu sieht man Sie noch im Gebäude in der Findelgasse, aber eben nicht mehr täglich. Wie sieht gegenwärtig Ihr Alltag ohne die Universität und die Studierenden aus?

Dr. Wittenberg: Ein Alltag ohne Universität und Studierende hat sich bisher noch nicht eingestellt – ich wünsche ihn mir auch nicht! Ich nehme mir aber die Freiheit, auf die Lehre in großen curricularen Pflichtveranstaltungen und damit auf die Korrektur vieler Klausuren und die Begutachtung  zahlreicher studentischer Forschungsarbeiten jeglicher Couleur zu verzichten, um anstelle dessen pro Semester eine kleine, aber hoffentlich feine Lehrveranstaltung anzubieten. Auch fällt es mir nicht schwer, Aufgaben in der akademischen Selbstverwaltung nun von Kolleginnen und Kollegen wahrnehmen zu sehen. Die von mir am Fachbereich angeregten und mittlerweile institutionalisierten Bachelor-, Master- und Absolventenumfragen werde ich jedoch bis auf weiteres fortsetzen. Dazu wird sich die Wiederaufnahme in den letzten Jahren vernachlässigter Forschungsthemen wie Antisemitismus und Schwangerschaftsabbruch gesellen. Darauf freue ich mich ebenso wie auf die Fertigstellung der dritten Auflage meines Buches „Soziologie In Nürnberg“, das den Schlusspunkt hinter den erfolgreichen, nichtsdestotrotz beendeten Studiengang „Diplom-Sozialwissenschaften“ setzen soll. Und vergessen soll auch nicht werden, dass in vierter Auflage ein neues SPSS-Buch ansteht…

Sie sind in Hannover aufgewachsen, das Studium und der Beruf brachten Sie nach Münster, Bielefeld, Essen, Köln, Hagen und letztendlich nach Nürnberg. Wie war für Sie der Start im Frankenland?

Dr. Wittenberg: Überraschend gut! Als „Nordlicht“ hatte man 1983 zwar gewisse Vorbehalte gegenüber einem Freistaat Bayern, der von einem Franz Josef Strauß dominiert wurde und dessen Fernsehen beispielsweise nicht die „Sesamstraße“ ausstrahlen durfte. Aber schon damals gab es ja Dieter Hildebrandt, Gerhard Polt und die Biermösl Blosn als politische Gegengewichte. Und ich lernte bald, dass der Franke kein Bayer ist: Das dem Franken offenbar mitgegebene gewisse Understatement-Gen war und ist mir sympathisch – auch wenn dies in der empirischen Sozialforschung beim Einsatz von Interviews das Forscherleben im Hinblick auf Reliabilität und Validität der erhobenen Daten ein wenig erschwert…

Sie leben seit vielen Jahren nun schon in Mittelfranken. Werden Sie bleiben oder zieht es Sie nun wieder in die Ferne?

Dr. Wittenberg: Mein Plan ist, zu bleiben: Ich fühle mich hier in Nürnberg zuhause. Zu Grabe getragen werde ich aber im Norden…

Vielen lieben Dank für das Interview.


Links zum Thema:

Lehrstuhl für Soziologie und Empirische Sozialforschung

http://www.soziologie.wiso.uni-erlangen.de/