>> Throwback: Die WiSo in den 70er Jahren

Sich zu Beginn des Studiums über einen möglichen Numerus Clausus (NC) seines gewünschten Studiengangs informieren, Vorlesung in einem der Hörsäle in der Langen Gasse besuchen und das Arbeiten am Computer, sei es für die Vorbereitung einer Klausur oder das Schreiben einer Hausarbeit: All das kennt jeder Studierende der WiSo. Insbesondere der Computer, das Notebook oder auch das Tablet sind in der aktuellen Zeit kaum wegzudenken aus dem Alltag der Studierenden, die ihr Semester größtenteils online bestreiten.

Kaum vorstellbar also, dass all dies für Studierende der WiSo in den 70er Jahren völlig fremd oder absolutes Neuland war. Doch wie war es damals an der WiSo? Wie kam es dazu, dass wir heute bei manchen Fächern einen NC haben und Vorlesungen im Gebäude der Langen Gasse stattfinden?

Der beispiellose Aufschwung der Nachkriegszeit führt zu einem Ansturm auf volks- und betriebswirtschaftliche Studiengänge. Bereits in den sechziger Jahren wird es eng in den Hörsälen und Seminarräumen der WiSo, die Fakultät mietet zusätzliche Räume in der ganzen Stadt an. Schnell wird klar, dass die Kapazitäten in der Findelgasse nicht mehr ausreichen – die WiSo plant einen Neubau. Die Studierenden plädieren für ein Gebäude am Wöhrder See, der Nürnberger Stadtrat für ein Grundstück im etwas außerhalb gelegenen Wetzendorf. Dorthin will die Fakultät auf keinen Fall, sie droht den Stadtvätern mit einem Umzug nach Erlangen – schließlich gehört die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät seit 1961 zur dortigen Universität.

Numerus Clausus für BWL

Einer der Gründe dafür, dass die WiSo zu Beginn der siebziger Jahre aus allen Nähten platzt, ist der freie Zugang zum Studium der Betriebswirtschaftslehre. Während es zu dieser Zeit bereits einen Numerus Clausus für Fächer wie Medizin und Ingenieurwissenschaften gibt, ist eine Zugangsbeschränkung für BWL nicht vorgesehen. Peter Mertens, 1970 als Professor für Betriebswirtschaftslehre nach Nürnberg berufen, erkennt das Problem und handelt. Als Kapazitätsbeauftragter der WiSo sieht er keinen anderen Weg, als den Freistaat Bayern, der einen Numerus Clausus für BWL ablehnt, gemeinsam mit zwei Juristen der Universität zu verklagen. Mit Erfolg: 1972 wird die Zulassung zum Wirtschaftsstudium erstmals eingeschränkt – und zwar in ganz Deutschland. Trotz der Einführung des NC bleibt ein Neubau für die WiSo unausweichlich. Nach einigem Hin und Her einigen sich die Beteiligten auf das Gelände der ehemaligen Tucher- Brauerei in der Nürnberger Altstadt an der „Langen Gasse“. 1977 wird der funktional-technoide Neubau aus Stahl und Beton eingeweiht, doch die Errichtung dieses futuristischen Komplexes innerhalb der Stadtmauern ist stark umstritten. Der Verein der Nürnberger Altstadtfreunde etwa lässt einen Fesselballon in Trauerflor aufsteigen, um gegen die vermeintliche Verschandelung des mittelalterlichen Stadtbildes zu protestieren.

Computer erobern die WiSo

1985 entstehen die ersten CIP-Pools

1978 beginnt das elektronische Zeitalter an der WiSo: Die ersten Computer kommen in die Lange Gasse. Die Geräte sind damals noch so schwer, dass sie eine Herausforderung für die Statik des Neubaus sind. Vier Seminarräume werden zusammengelegt und erhalten einen doppelten Boden, um die Kabel zu verlegen. Die voluminösen Rechner verstaut man in Schränken. Für die Studierenden werden Computerräume eingerichtet, die so genannten CIP-Pools, deren Name sich bis heute erhalten hat. Auch in der Verwaltung der Fakultät hält die neue Technik Einzug. Mit dem Neubau in der Langen Gasse ist die schlimmste Raumnot zunächst gelindert, doch die Zahl der Studierenden steigt weiter steil an. Die Hörsäle sind von 7 Uhr morgens bis 21 Uhr abends durchgehend ausgebucht. Selbst samstags und sonntags finden universitäre Veranstaltungen statt. Die Fakultät hat keine andere Wahl, als einen Erweiterungsbau zu planen. 2004 wird das neue Gebäude eingeweiht, zugleich stagniert die Zahl der Studierenden. Damit entschärft sich der Platzmangel nachhaltig.

Neue Ära der Innovationsforschung

Ebenfalls in den Siebzigern führt Werner Pfeiffer die Industriebetriebslehre in eine neue Ära – mit Forschungsschwerpunkten wie Lean Management, Systemrationalisierung und Innovationsmanagement. Er entwickelt die Theorie des integrierten Produkt- und Technologielebenszyklus, dem zufolge jedes Produkt vier Phasen durchläuft: Zunächst müsse das Unternehmen seine Umwelt beobachten, dann könne es ein Produkt entwickeln, das anschließend auf den Markt kommt und am Ende entsorgt werden muss. Pfeiffer prägt auch den Begriff der „Zeitfalle“, in die Unternehmen gerieten, wenn sie einen technologischen Trend nicht rechtzeitig aufspürten. Wer in zukunftsträchtige neue Technologien nicht bereits in deren früher Entwicklungsphase investiere, könne den Vorsprung der Konkurrenz meist nicht mehr einholen.

Studieren in den 70er Jahren

Wer sich fragt, wie es das Leben der Studierenden an der FAU in den 70er Jahren im Allgemeinen aussah, kann sich dazu das spannende Interview mit Prof. Dr. Dr. Horst Claassen, der von 1972 bis 1979 an der FAU Humanmedizin studiert hat, anschauen.