>> Probieren geht über Studieren? Das Frühstudium am Fachbereich

Wieso tauscht ein erfahrener Gymnasiallehrer das Pult im Klassenzimmer wieder gegen einen Klappsitz im Hörsaal? „Man muss ja schließlich wissen, worauf man sich einlässt“, erklärt Dr. Günther Pfeifer. Er ist Fachbetreuer für Wirtschaft/Recht und Geographie am Johannes-Scharrer-Gymnasium und hat im vergangenen Wintersemester mit einer Schulklasse eine Vorlesung am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften besucht. Wieso er diesbezüglich am Fachbereich ein Pionier ist und ob seine Schüler auch die zugehörige Klausur bestehen müssen, erzählt er im neuesten Blog-Beitrag.

„Die Schüler sollen herausfinden: Ist es das, was ich möchte?“

Günther Pfeifer kennt das Uni-Leben von vielen Seiten: als Student in Erlangen und anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter. In seiner Funktion als Lehrer und Fachbetreuer bereitet er nun selbst Schüler am wirtschafts- und sozialwissenschaftlich ausgerichteten Johannes-Scharrer-Gymnasium auf das Leben vor. Und das nimmt er wörtlich.

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Prof. Dr. Kley hält eine Rede vor den Früh-Studierenden

Denn erstmals bietet er im laufenden Schuljahr ein P-Seminar im Bereich Wirtschaft an, in welchem er mit Schülerinnen und Schülern der elften Jahrgangsstufe an einer realen Vorlesung am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften teilnimmt. Das sogenannte Projekt-Seminar soll im achtjährigen Gymnasium zur Studien- und Berufsorientierung dienen. Deshalb hieß es fortan jeden zweiten Dienstag: ab in die Vorlesung. Praktisch war dabei der Standortvorteil – denn das Gymnasium liegt nur wenige Gehminuten von den Fachbereichsgebäuden in der Langen Gasse entfernt. In „Unternehmer und Unternehmen“ bei Prof. Dr. Hungenberg konnten die Schüler schon einmal in das Studentenleben reinschnuppern, ihre Scheu oder auch den Respekt vor der Universität verlieren. „Sie sollen aber vor allem herausfinden: Ist es das, was ich möchte?“, erklärt Günther Pfeifer.

Die BWL-Grundlagenveranstaltung eigne sich besonders gut, da der Stoff in der Vorlesung quasi bei „Null“ beginnt. Die sechs thematischen Schwerpunkte der Vorlesung – wie etwa die Vermarktung von Unternehmen – arbeiteten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit der zugehörigen Basisliteratur und der Übung in einer Präsentation auf und stellten diese den anderen Teilnehmern vor. Die Klausur am Ende des Semesters galt es für die Schülerinnen ebenfalls mitzuschreiben – die Note ist allerdings nicht relevant für die schulische Bewertung. Dennoch konnten sie so Ablauf und Anspruch einer Klausur kennenlernen.

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Endlich erhalten die Schüler ihre Zertifikate

Zurück in den Hörsaal

Um sich optimal vorzubereiten, setzte sich Günther Pfeifer vor Beginn selbst noch einmal in den Hörsaal und beriet sich mit Prof. Hungenberg. Auch die Schülerinnen und Schüler haben sich persönlich bei dem Professor vorgestellt und dort mehr über ihn und das Studium am Fachbereich erfahren. Das Gespräch diente außerdem zur Themenfindung für die Seminararbeiten. Trotz der Wahl eines Grundlagenkurses war sich Günther Pfeifer letztlich nicht hundertprozentig sicher, ob der Anspruch der Vorlesung für die Schülerinnen nicht zu hoch werden könnte. „Die Stoffvermittlung ist zügiger und geht weniger auf den Einzelnen ein“, so Pfeifer, „außerdem fehlt die im Klassenzimmer übliche Interaktion“.

Die Klausurergebnisse der „Jung-Studierenden“ fielen unterschiedlich aus. Einige hatten schlichtweg neben der Schule zu wenig Zeit zum Lernen, wohingegen viele andere die Prüfung erfolgreich ablegen konnten – drei sogar mit besseren Noten als der Durchschnitt der Studierenden. Die bestandene Prüfung können sich die Frühstudierenden später als Prüfungsleistungen im Studium anrechnen lassen.

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Stolz präsentieren die Schüler ihre Zertifikate

Im Rückblick beurteilten die Schülerinnen die Idee des Seminars durchweg positiv, einzig der Zeitaufwand wurde bemängelt, der durch die Aufteilung des Besuchs von Vorlesung und Übung auf zwei Semester entspannt werden könnte. Wie wichtig Selbständigkeit und Zeitmanagement im Studium sind, haben die Schülerinnen und Schüler während des Projekts gemerkt – und auch, dass nicht jeder von ihnen studieren möchte. Einige bemängelten laut Pfeifer die große Zahl an Studierenden, anderen gefiel das Fach nicht. Dennoch erwägen auch ein paar Schüler, nach dem Abitur am Fachbereich BWL zu studieren.

Die nächste Gruppe steht schon in den Startlöchern

Das klassische Frühstudium richtet sich an einzelne, begabte Schüler. Doch die könnten laut Dr. Pfeifer an einer so großen Universität wie der FAU schnell verloren gehen. Deshalb hat er sich für die Gruppenvariante entschieden. Dabei setze man zwar keine Hochbegabung, wohl aber eine gewisse Grundbegabung sowie ein Interesse an Wirtschaft voraus. Um das P-Seminar zu besuchen, mussten sich die interessierten Schülerinnen und Schüler bereits gegen Ende der zehnten Klasse konkret dafür bewerben. Neben der Empfehlung einer Lehrkraft galt es, einen Lebenslauf sowie ein Motivationsschreiben einzureichen und ferner die Einverständniserklärungen der Eltern und des Schulleiters einzuholen.

„Ich werde das Projekt definitiv wiederholen. Es ist eine wichtige Aufgabe der Gymnasien, den Schülern möglichst realistisch zu zeigen, was in einem späteren Studium auf sie zukommt. Für das nächste Schuljahr haben sich bereits 13 neue Interessierte gemeldet“, freut sich Günther Pfeifer.

 

Weitere Informationen zum Thema:

Frühstudium an der FAU

http://fruehstudium.fau.de/

Lehrstuhl für Unternehmensführung von Prof. Hungenberg

http://www.management.wiso.uni-erlangen.de/index.htm