Forum und Networking: Berufliche Auszeit – Modeerscheinung oder langfristiger Trend?

Was spricht die Wissenschaft zum Thema „Sabbatical“? Wie stehen Unternehmen dazu? Welche Bedeutung haben berufliche Auszeiten in der heutigen Arbeitswelt? Diese und weitere Fragen diskutierten Experten und Praktiker im Rahmen der Veranstaltung „Forum und Networking“ des Career Service am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften.

Zu Beginn gab Frau Dr. Christina Neeß in einem kurzen Überblick zu dem Thema „berufliche Auszeit“. Der Begriff Sabbatical leitet sich aus der in der Bibel erörterten Ruhepause für Äcker in der Agrarwirtschaft ab. Heutzutage bezeichne der Begriff in der Regel eine längere berufliche Auszeit von 3-12 Monaten. Forschungsfreisemester in den USA bilden den Ursprung für die heute verbreiteten beruflichen Auszeiten in Unternehmen und öffentlichem Dienst.

Wie beliebt berufliche Auszeiten sind, zeigt eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2013 im Auftrag des BMBF. Demnach können sich 57% der Befragten vorstellen, eine berufliche Auszeit zu nehmen. Insbesondere formal höher gebildete Personen und Beamte können sich vorstellen ihre Erwerbstätigkeit für eine längere Zeit zu unterbrechen. Die wichtigsten Motive hierfür sind familiäre Gründe, persönliche Hobbies und berufliche Weiterbildung.

Herausforderungen einer beruflichen Auszeit sind aus Arbeitnehmer-Perspektive neben der Finanzierung und der sozialen Absicherung beispielsweise der hohe organisatorische Aufwand sowie die Realisierbarkeit im aktuellen Beschäftigungsverhältnis. Arbeitgeber müssen beispielsweise den Mehraufwand bei  der Personalplanung, mit dem Nutzen durch stärkere Mitarbeiterbindung abwägen. Durch den zunehmenden Wettbewerb um die besten Köpfe, die steigende Bedeutung der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben seitens der Mitarbeiter sowie zunehmendes lebenslanges Lernen wird diese Thema nach Einschätzung von Frau Dr. Christina Neeß auch zukünftig relevant bleiben.

_MG_4071Auch die beiden Praxisvertreter Alexander Birke, Accenture, und Sebastian Kiesewetter, KPMG, bestätigten in der anschließenden Diskussion, dass berufliche Auszeiten zunehmend im Arbeitsalltag Realität werden. Beide führten an, dass diese größtenteils einen konkreten Anlass haben. Insbesondere in der Wirtschaftsprüfung ist neben familiären Auszeiten der Erwerb von Zertifikaten ein häufiger Grund, um berufliche Auszeiten zu nehmen. Der Erwerb von Zertifikaten wird beispielsweise bei KPMG gezielt unterstützt. Auch bei Accenture gibt es insbesondere im Kontext des Social Responsibility Programms Angebote für eine berufliche Auszeit. Accenture bietet verschiedene Modelle an, um berufliche Auszeiten zu ermöglichen. Insbesondere der Aufbau von Überstunden wird hier praktiziert. Wie Alexander Birke anmerkte, ist es jedoch nur bis zu gewissen Hierarchiestufen möglich dieses Modell des Wertguthabens anzuwenden, da insbesondere bei Führungskräften die Überstunden mit dem Arbeitsvertrag bereits abgegolten sind und somit nicht mehr für eine berufliche Auszeit genutzt werden können.

Wie die Arbeitsmarktexpertin Dr. Christina Neeß herausstellte, sind berufliche Auszeiten in größeren Unternehmen leichter realisierbar als in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Den Ausfall einer Arbeitskraft hier zu kompensieren und individuelle Lösungen zu finden gestaltet sich im KMUs wesentlich schwieriger. Auch ist es oftmals schwierig einen Stellenwechsel für eine berufliche „Pause“ zu nutzen, wie Alexander Birke hinzufügte. Der neue Arbeitgeber erwartet in den meisten Fällen einen frühestmöglichen Beginn des Arbeitsverhältnisses, wodurch geplante Auszeiten in der Realität oftmals entfallen.

_MG_4006Generell bestätigte die Runde, dass es wichtig ist, die Beweggründe für die berufliche Auszeit darzulegen und anschließend gemeinsam mit dem Unternehmen nach individuellen Lösungen zu suchen. Unter diesen Rahmenbedingungen kann sich die berufliche Auszeit zu einer win-win-Situation für beide Seiten entwickeln.

Zum Abschluss der Diskussion erörterten die Teilnehmer die generelle Relevanz von neuen Erfahrungen für die persönliche Weiterentwicklung. Hier ermunterten insbesondere die Praxispartner bereits im Studium die Möglichkeiten zu nutzen, beispielsweise im Rahmen eines Auslandssemesters neue Erfahrungen im internationalen Kontext zu sammeln. Neben der fachlichen Qualifikation im Studium sind weitere Erfahrungen wichtig, um ein interessantes Gesamtpaket für den Arbeitgeber darzustellen. Hier offensiv mit den Beweggründen für eine genommene Auszeit umzugehen und so dem Arbeitgeber ein umfassenderes Bild seiner Persönlichkeit zu vermitteln geben die Praktiker den Studierenden als Ratschlag mit auf den Weg.

Beim anschließenden Get-together tauschten Studierende und Unternehmensvertreter sich weiter aus. Neben Praktika und Auslandssemester waren auch das Bachelor-Master-System sowie die Regelstudienzeit beliebte Themen bei den Gesprächen.

 

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Website des Career Service am Fachbereich WIrtschaftswissenschaften

Weitere Bilder vom Forum und Networking am 04.06.2014