>> Ein Kreis schließt sich: WiSo-Prof. Dr. Veronika Grimm ist Wirtschaftsweise

Zu Beginn des Jahres gab es eine äußerst erfreuliche Nachricht: Eine der neue Wirtschaftsweisen kommt von der WiSo Nürnberg: Die Ökonomin Prof. Dr. Veronika Grimm wurde in Deutschlands wichtigstes wirtschaftspolitisches Beratungsgremium berufen. Neben Prof. Dr. Grimm vervollständigt die Münchener Wirtschaftsprofessorin Prof. Dr. Monika Schnitzer das Gremium. Im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, besser bekannt als die „fünf Wirtschaftsweisen“, wird Prof. Dr. Grimm, Inhaberin des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie, zukünftig gemeinsam mit den anderen Ratsmitgliedern die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik begutachten und so den politischen Instanzen helfen, Entscheidungen für die Wirtschaftspolitik zu treffen. Blickt man in die Vergangenheit, zeigt sich, dass es bereits bei der Entstehung des Sachverständigenrates eine Verbindung zur WiSo gab…

Die Geschichte der Wirtschaftsweisen

Informationstafel in der Findelgasse anlässlich der Berufung von Prof. Dr. Grimm als Wirtschaftsweise.

Als der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) im Jahr 1963 durch ein einstimmiges Votum im Bundestag per Gesetz1 eingeführt wurde, enthielt sich der damalige Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Konrad Adenauer seiner Unterschrift unter dem Dokument, das von Bundespräsident Heinrich Lübke und dem damaligen Vizekanzler und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard unterzeichnet wurde. Der Einrichtung des Rates war ein gut fünfjähriger Machtkampf vorangegangen, seit Erhard 1958 die ersten Konzepte gemeinsam mit Theodor Blank an Adenauer herangetragen hatte. Dieser lehnte das Konzept eines von der Regierung unabhängigen, wissenschaftlichen Gremiums zur „Versachlichung der wirtschaftspolitischen Debatten“ rundweg ab mit den Worten: „Erhard, woll’n Sie sich en Laus in’n Pelz setzen?“2 Dem Bundeskanzler galt das neue Gremium, das nach Erhards Wunsch eben nicht in staatlicher Nähe angesiedelt sein sollte wie das 1946 in den USA gegründete Council of Economic Advisers, als merkliche Einschränkung der staatlichen Handlungsfähigkeit. Erst 1961 konnte das Vorhaben erneut eingebracht werden, als sich die Preisstabilität und die Lohnentwicklung in Deutschland durch einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung zu destabilisieren drohten.  Mit Unterstützung der öffentlichen Medien setzte Erhard sich diesmal gegen Adenauer durch, im Oktober 1962 wurde von den Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU und FDP ein Initiativantrag in den Bundestag eingebracht. Den Sorgen Adenauers kam man bei der Aushandlung des Antrags insofern entgegen, dass die neuen Mitglieder des Rates nicht durch die Amtsinhaber berufen werden, sondern durch den Bundespräsidenten auf Vorschlag der Bundesregierung.

Im § 2 des „Gesetzes über die Bildung eines Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ heißt es:

„Der Sachverständigenrat soll in seinem Gutachten die jeweilige gesamtwirtschaftliche Lage und deren absehbare Entwicklung darstellen. Dabei soll er untersuchen, wie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig Stabilität des Preisniveaus, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wachstum gewährleistet werden können.“

Bundeswirtschaftsminister Dr. Ludwig Erhard, 1963
(Quelle: Bundesarchiv B145, Bild-F015320-0001, CC)

Die Kernaufgabe des SVR ist es also, regelmäßige, differenzierte Prognosen über mögliche wirtschaftliche und soziale Gesamtentwicklungen bei unterschiedlichen politischen Vorgaben zu erstellen. Dahinter steht die Einsicht, dass in den verschiedenen Spannungsfeldern aus Marktliberalismus und staatlicher Lenkung, wirtschaftlichem Profit und gesundheitlicher Absicherung, Überhitzung und Unterkühlung eines Marktes ein besonnener Mittelweg gefunden werden muss, um soziale und ökonomische Stabilität zu erreichen. Der SVR muss sich also seinem Auftrag gemäß als vernunftgeleitetes, akademisches Korrektiv in normalen und besonders in anormalen Zeiten verstehen, sei es während eines Wirtschaftsbooms, einer Finanzkrise oder einer plötzlich auftretenden Pandemie. Die Folge soll der Beitrag zu einer „Erleichterung einer Wirtschaftspolitik der Vernunft“ sein, ein diskursiver Baustein für die von Erhard etablierte soziale Marktwirtschaft.

Seit dem Februar 1964, dem Monat der Ernennung des ersten SVR, sind 38 ehemaligen und 5 amtierenden Ratsmitgliedern die Ehre eines Sitzes in dem renommierten Wissenschaftsorgan zuteil geworden. Neben den Gründungspersonen Wilhelm Bauer, Paul Binder, Herbert Giersch, Harald Koch und Fritz W. Meyer finden sich noch 33 weitere männliche Ratsmitglieder in der Aufzählung, dem stehen 5 weibliche Ratsmitglieder gegenüber, von denen 2 aktuell im Amt sind. Eine dieser beiden gemeinsam berufenen Weisen ist seit 2020 Prof. Dr. Veronika Grimm, die bis zu diesem Zeitpunkt das Amt der Sprecherin der WiSo innehatte. Im Jahr der weltweiten Coronapandemie vertraut man diesen einflussreichen Posten also der langjährigen, erfolgreichen Leiterin derjenigen Lehreinrichtung an, die vor beinahe einhundert Jahren Schule des geistigen Vaters des Sachverständigenrates und der sozialen Marktwirtschaft war: Ludwig Erhard.

1Gesetz über die Bildung eines Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vom 14. August 1963. 2Olaf Storbeck: Der „Rat“ steckt in einem Reformprozess. Wieder weiser, wieder schmaler. Handelsblatt vom 7. November 2005.

Prof. Dr. Veronika Grimm: Die 1971 geborene Wirtschaftswissenschaftlerin hat Volkswirtschaftslehre und Soziologie in Hamburg und Kiel studiert und wurde anschließend im Jahr 2002 an der Humboldt-Universtität zu Berlin bei Elmar Wolfstetter promoviert; die Habilitation folgte 2008 an der Universität zu Köln bei Axel Ockenfels. Dazwischen lagen Forschungsaufenthalte in Alicante, Brüssel und Louvain. Die Forschungsschwerpunkte von Prof. Dr. Grimm liegen in den Bereichen Verhaltensökonomik, experimentelle Wirtschaftsforschung, Industrieökonomik, Auktionen und Marktdesign, letztere mit einem Schwerpunkt auf Energiemärkte. Veronika Grimm wurde 2008 an die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg berufen, wo sie den Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie innehat und Direktorin des „Laboratory for Experimental Research Nuremberg“ ist. Seit 2010 leitet sie den Forschungsbereich Energiemarktdesign am Energie Campus Nürnberg (EnCN), seit 2017 den EnCN. Zudem ist sie Vorstand des 2019 gegründeten Zentrum Wasserstoff.Bayern (H2.B). 2020 wurde sie in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen.

Weite Informationen zu Prof. Dr. Grimm gibt es hier.

Weitere Informationen zu dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gibt es auf dessen Webseite: www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de